"Wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum Atmen." Michail Gorbatschow

"Wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum Atmen." Michail Gorbatschow

Stets pünktlich zur Bundestagswahl oder alljährlich zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober, rücken wir Lehrer den Begriff der „Demokratie“ in den Fokus des Unterrichts.

Mal mehr, mal weniger überzeugend gelingt es uns, die oftmals vorherrschende Politikverdrossenheit der Jugendlichen aufzubrechen und ihnen die Notwendigkeit des Erhalts unserer Demokratie, wie auch die Wertschätzung unseres Lebens in einer solchen Demokratie vor Augen zu führen.

Natürlich verfolgen die Schülerinnen und Schüler auf diversen multimedialen Kanälen die Berichterstattungen zu aktuellen, weltpolitischen Geschehnissen, doch teilweise „unreflektiert“ und häufig distanziert. So bleibt ihnen weitgehend unklar, warum das EU-Parlament Polen infolge der Justizreformen „in ernster Gefahr“ [1] sieht und ein Mitglied der EU-Kommission aussagt: „Die Demokratie stirbt im Dunkeln“ [2], die Regierung in Ungarn „die Demokratie unverhohlen infrage stellt“ [3] oder in manchen Pressetexten durch die Bestrebungen des türkischen Präsidenten Erdogans sogar vom „Tod einer Demokratie“ [4] die Rede ist.

Grund genug also, die „Komfortzone“ unserer Demokratie einmal zu verlassen und sich im Rahmen eines Planspiels mit den Widrigkeiten und Mechanismen einer Diktatur, als einer extremistisch ausgeprägten Herrschaftsform, auseinanderzusetzen und diese zu erfahren.

Am Beispiel des DDR-Staats wurde daher den Auszubildenden der Berufsrichtung „Verkäufer/-in“ sowie „Kauffrau/-mann im Einzelhandel“ der drei Berufsschulklassen WEH 10a, WEH 10b und WEH 11c, die Lebenswirklichkeit im vergangenen deutschen Staat, mit stark eingeschränkten Grund- und Bürgerrechten, näher gebracht und aufgezeigt, wie die SED-Regierung und das Ministerium für Staatssicherheit zusammenarbeiteten und auf welche „perfide Weise“ die Lebensläufe Andersdenkender und Oppositioneller beeinflusst oder gar zerstört wurden.

Hierzu schlüpfte eine Gruppe in die Rolle einer jungen Band, die in den 80er Jahren im Keller einer Kirche probt und mit Rockmusik auftreten will. Die anderen Jugendlichen bildeten eine Kreisdienststelle der Staatssicherheit und die SED-Kreis­leitung. Mit Hilfe von Original-Doku­menten wie Gesetzen, Protokollen, Papieren aus dem Zentralkomitee der SED und Songtexten von Bands sowie Listen mit Maßnahmen, die geeignet sind, eine Gruppe zu zersetzen bzw. den einen gegen den anderen aufzubringen, Einzelne krank zu machen oder sogar zum Suizid zu treiben, sollten die jeweiligen Interessen durchgesetzt werden.

Inwieweit die Stasi die Kontrolle behielt, wie die Partei ihre Macht ausübte und welche Möglichkeiten der Band blieben, soll hier nicht weiter verraten werden, um zukünftigen Spielern die Freude am Planspiel DDR nicht zu nehmen.

Als Experten und Moderatoren standen den größtenteils erst nach der Wiedervereinigung geborenen Schülerinnen und Schülern der Politologe und Entwickler des Planspiels, Herr Uwe Hillmer, die ehemalige Lehrerin und pädagogische Mitarbeiterin des Stasi-Museums in der Berliner Normannenstraße, Frau Birgit Siegmann sowie Herr Hanjost Dörken, welcher in der Gedenkstätte Hohenschönhausen Führungen anbietet, zur Seite. Alle drei eint ihr Engagement gegen das Vergessen und ihre präventive Arbeit gegen jegliche Form des Extremismus.

Der Fachbereich „Verkauf und Einzelhandel“ dankt an dieser Stelle Herrn Daniel Hagn für seine organisatorischen Bemühungen sowie den Referenten für ihren großartigen Einsatz.

Die Deutsche Demokratische Republik, die sich selbst mitunter als Diktatur des Proletariats bezeichnete, presste ihr Volk in die staatlich vorgesehenen Formen und Rahmen – selbst bei der Berufswahl – und führte mit Hilfe von Überwachung, Erpressung und Unterdrückung. So gelang es dem Staatsapparat auf jeden Winkel der Gesellschaft – sogar in der Kirche – Kontrolle auszuüben bzw. Einfluss zu nehmen. Dies bedeutete, dass es keine freien Wahlen, keine freien Medien, kein Recht auf freie Meinungsäußerung und auch keine Reisefreiheit gab.

Und spätestens jetzt werden auch wieder die Parallelen zu den vielerorts stattfindenden Strukturbemühungen und -veränderungen einiger Staaten deutlich. Durch das punktuell stark emotionale Erleben einer Diktatur als Planspiel, war es den Jugendlichen möglich, am Beispiel des DDR-Regimes zu erfahren, welche Einschränkungen es ohne eine demokratisch gewählte Regierung geben kann. Die Jugendlichen haben nunmehr erkannt, welche hohe Relevanz Michail Gorbatschows Aussage beizumessen ist, wenn er sagt: „Wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum Atmen.“

Niels John



[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/eu-parlament-sieht-demokratie-in-polen-in-gefahr-15110186.html
[2] http://www.faz.net/aktuell/politik/polen-allnaechtliche-feldzuege-gegen-die-demokratie-15115109.html
[3] http://www.zeit.de/2017/19/polen-ungarn-eu-kommission-frans-timmermans-viktor-orban-jaroslaw-kaczynski
[4] http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-und-der-ausnahmezustand-tod-einer-demokratie-a-1103935.html

Zurück