„Sei schlauer als der Klauer!“

„Sei schlauer als der Klauer!“

So lautet die Forderung von Jürgen Grönke, einem Wirtschafts- und Sicherheitsberater aus München. „Diese fünf Wörter sind der Anspruch an meine Schulung zum Thema Inventurdifferenzen und Ladendiebstahl“, so Grönke weiter und hoffte damit, bei seiner Zuhörerschaft der 10. und 11. Jahrgangsstufe der Fachklassen für Verkauf und Einzelhandel den Willen zur Bekämpfung von Inventurdifferenzen zu stärken.

Die Notwendigkeit aktiv gegen Ladendiebe vorzugehen und Inventurdifferenzen durch besondere Schutzmaßnahmen im Unternehmen zu vermeiden, ergibt sich aus den diversen statistischen Veröffentlichungen des Forschungs- und Bildungsinstituts des Handels (EHI) und des Bundeskriminalamtes.

So erreichte die Schadensumme an Inventurdifferenzen im Jahr 2016 mit 4,0 Mrd. Euro einen neuen Rekord. Allein 2,2 Mrd. Euro entfielen hierbei auf Kundendiebstähle bei den rund 425.000 Einzelhandelsgeschäften in Deutschland. Hinzu kommen 1,2 Mrd. Euro an Präventivmaßnahmen, die der Einzelhandel jedes Jahr im Kampf gegen Ladendiebe aufwenden muss, da die Aufklärungsquote der Kriminalpolizei bei gerade einmal 2,5 Prozent der angezeigten Fälle (378.000) liegt. Statistisch bedeutet dies, dass bei einer Diebstahlrate von 140.000 Diebstählen pro Verkaufstag jeder Bundesbürger Waren im Wert von 50,00 EUR pro Jahr unbezahlt mitnimmt.

Und schaut man sich allein die Stadt München an, so werden dort während der Öffnungszeiten der Einzelhandelsbetriebe stündlich Waren im Wert von 17.000 Euro entwendet. Dennoch liegt München unter den 80 größten Städten Deutschlands mit Platz 63 eher im unteren Mittelfeld. Die höchsten Diebstahlhäufigkeiten erreichen Magdeburg, Saarbrücken und Regensburg, wohingegen Erlangen, Ingolstadt und Mühlheim a. d. R. die geringsten Deliktraten aufweisen. Als Gründe führt der Experte die Grenznähe, die gute Anbindung zur Autobahn sowie den eher kleinstädtischen Charakter mit vielen vermeintlich vertrauensvollen Stammkunden an.

Als Präventivmaßnahmen schlägt Grönke bereits für den Ladenbau abgestimmte Konzepte hinsichtlich der Beleuchtungsanlagen sowie mechanische und elektronische Sicherungssysteme vor. Zur Überwachung mit Videokameras verwies Herr Grönke auf die neuen Vorgaben des Datenschutzes vom 25. Mai 2018 (DSGVO). Wird in den Verkaufsräumen Videotechnik benutzt, so muss der Gefilmte bereits vor der ersten Erfassung auf die Videoaufzeichnung hingewiesen werden. Das Piktogramm muss hierbei der DIN 33450 entsprechen und auch Auskunft über die für die Aufzeichnung verantwortliche Stelle Auskunft geben. Verstöße werden mit erheblichen Geldbußen belegt. Aber auch personelle Maßnahmen, wie Mitarbeiterschulungen, die auf die speziellen örtlichen Gegebenheiten abgestimmt werden wie auch die Zusammenarbeit mit Detektiven sollte verstärkt zum Einsatz kommen.

Das Täterprofil lässt sich dabei jeder Alters- und Bevölkerungsgruppe zuordnen und weist keinerlei einheitlichen Merkmale auf. Es treten sowohl junge als auch alte, als auch finanziell schwach gestellte und gut situierte Diebe auf.

Bei den Waren handelt es sich vornehmlich um hochwertige und aufgrund ihrer Größe gut versteckbare Produkte wie Kosmetika, Accessoires, Rasierklingen, Spirituosen, Tabakwaren und Speicherkarten. Aber auch größere Artikel wie Jeans, Druckerpatronen, CDs und DVDs bis hin zum Elektrowerkzeug finden bei der nicht zahlungswilligen Kundschaft Gefallen.

Herr Grönke gab in seinem Referat zudem einen kurzen Überblick über die rechtliche Verankerung von Straftaten innerhalb des Strafgesetzbuches, beispielsweise in Form von Diebstahl, Betrug, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch. Darüber hinaus wurden den Schülern die juristischen Grundlagen bezüglich eines Ladendiebstahls mittels der Begriffe „Besitzdiener“ und „Selbsthilferecht“ vermittelt. Ein besonderes Augenmerk lenkte Herr Grönke noch auf die Rolle der Geschäftsinhaber und Geschäftsleitung. Seinen Ausführungen zufolge bestehe deren vordergründige Aufgabe darin, die Mitarbeiter durch klar formulierte Dienst- bzw. Arbeitsanweisungen über deren Zuständigkeit und Handlungsumfang bei Ladendiebstahl zu informieren und den korrekten Umgang mit Verdächtigen zu regeln.

Als Höhepunkt der Veranstaltung wurden von den Schülerinnen und Schülern einige Videosequenzen über konkrete Ladendiebstähle angesehen, die sich im Internet unter „Tricks der Ladendiebe“ auf youtube finden lassen.

Anschließend bekamen die angehenden Verkäufer/-innen in einem Rollenspiel Gelegenheit, das Ansprechen eines Verdächtigen zu üben. Ja, manchmal fehlen einfach die „richtigen Worte“. Schließlich geht es auch im Sinne der Unternehmen darum, keine Beschuldigungen in der Öffentlichkeit auszusprechen, die sich im Nachhinein als unbegründet herausstellen könnten. Die geeignete Wortwahl fiel zunächst unseren Schülern noch recht schwer. Doch mit der Unterstützung von Herrn Grönke gelang es den Protagonisten des Rollenspiels, die Verdächtigen gezielt anzusprechen, sich mit ihnen unter Beachtung der Eigensicherung aus dem öffentlichen Raum zu entfernen und in Begleitung eines Kollegen in einem geeigneten Büro die Unstimmigkeit zu klären bzw. das Eintreffen der Polizei abzuwarten.

Mit Hilfe dieser präventiven Schulungsmaßnahmen sollte es unseren Schülerinnen und Schülern nunmehr gelingen, als zukünftiges Verkaufspersonal derart schwierige Situationen im Verkaufsraum sicher zu bewältigen. Denn das größte Risiko für einen potentiellen Ladendieb sind aufmerksame Mitarbeiter.

Nils John und Johannes Mehringer

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