Wer bin ich und wer will ich sein?

Wer bin ich und wer will ich sein?

Ein Stuhlkreis, ein Flipchart und 14 neugierige Menschen (Schülerinnen und Schüler der Klassen BWS11 und WGH10b bzw. Lehrkräfte), immer nur einer spricht.

Die Atmosphäre: Erwartungsvoll, fokussiert und ruhig. Mit Bedacht werden Fragen aus verschiedensten Blickwinkeln und mit allen möglichen Facetten versucht zu beantworten. Neue Fragen tun sich auf.

Wer bin ich und wer will ich sein?
Nach einer kurzen theoretischen Einführung der beiden Referentinnen, Dr. Theres Lehn und Rike Zeus, von der "Akademie Kinder philosophieren" in die Zielsetzung des gemeinsamen Philosophierens und kurzer Vorstellung möglicher Einstiegsvarianten geht es ans Tun. Die Frage liegt in der Mitte aus. Wer den Ball hat, spricht. Wer etwas beitragen möchte, rührt sich. Alle anderen lauschen. Das Setting ist einfach. Die Umsetzung wohltuend in einer Welt, die voll ist von unsachlichen Diskussionen und Bewertungen.

Selbst bevor man sich hier zu Wort meldet, prüft man, ob die anderen das wohl hören wollen, oder ob man es wohl passend formulieren können wird. Diese Bedenken treten bald in den Hintergrund, denn die zurückhaltende Moderation der nachdenkenden Runde ist so vorbildgebend, dass den Teilnehmern schnell klar wird, dass es hier kein „gut und schlecht“, kein „richtig und kein falsch“ gibt. Dass es hier mal nicht darum geht, der Beste zu sein. Das Gespräch speist sich aus den Beiträgen der Anwesenden, scheinbar ohne dass die Kursleiterin viel machen muss. Ihre Haltung ist es, die den Raum eröffnet und trägt. Ihre sorgsame Wortwahl ermöglicht es, seine eigenen Worte fließen zu lassen, den Gedankenstrom zu ordnen und sich gegenseitig aufmerksam zuzuhören. Es hat fast etwas Magisches.

Und?
Es wird deutlich, dass eine solche wertfreie Begegnung entlastet und die Teilnehmer stärkt. Dass es als Lehrer nicht nur darum geht, explizite Unterrichtseinheiten zu gestalten, sondern auch, die Schüler mit kleinen Impulsen einzuladen, eine Haltung einzunehmen, sich zu positionieren in einer schnellen, vielgesichtigen, lauten Welt. Dass wir unseren Schülern eben durch diese Mikroanstöße selbst zum Denken, Zuhören und Fragen anregen können, wenn wir es lernen, dazu einzuladen und es so gelingt, die Lebenskompetenz unserer Schüler im Gespräch hervorzulocken.

Schön, sich vorzustellen, dass auch im eng getakteten Lehreralltag ein Tür-und-Angel-Gespräch unter Kollegen oder auch Fachsitzungen und Konferenzen hierdurch neue Dimensionen und eine gelenkigere, freiere Gesprächskultur ermöglichen.

 
Auszüge des Gesprächsprotokolls vom Flipchart:
 
„Offene Fragen stellen heißt, gemeinsam nach Antworten suchen. Der Lehrer ist nicht der Wissende allein.“

 „Manchmal entstehen in wenigen Minuten echte Begegnungen.“

 „Der Lehrer gibt beim Philosophieren mehr von sich als im normalen Unterricht“

 „Säen, Geduld haben, wann geht der Samen wohl auf?“

 „Schüler fühlen sich wertgeschätzt, wenn sie ihre Gedanken aussprechen dürfen, ohne dass sie bewertet werden."
 
Feedbackstimmen von Teilnehmern:
 
„Mir ist ganz bewusst das Gefühl in Erinnerung geblieben, wie gut es getan hat, einfach in Ruhe zu sitzen, zu hören, und seine Gedanken laufen zu lassen und bei Bedarf auch in Worte zu fassen.“

„Ich möchte das Thema auf jeden Fall weiter verfolgen und möchte unbedingt die Weiterbildung machen.“

„Ich hab mit den Schülern gleich diese Woche philosophiert, zum Thema Freiheit und Sicherheit. Das hat sich spontan ergeben, und ich hab mich einfach getraut ;-) Ich war sehr erstaunt über den Tiefgang, der bei einigen Bemerkungen der Schülern deutlich wurde.“

„Was mir während der SchiLF deutlich wurde, und auch durch die Anwendung im Unterricht, ist, dass die Möglichkeit und das Bedürfnis über bestimmte Themen zu philosophieren zeigt, wie gut wir es hier in Mitteleuropa bzw. in Deutschland haben und dass unsere elementaren Bedürfnisse wohl befriedigt sind. Wenn ich dann auf die tagtäglichen Katastrophenmeldungen schaue, auf die Krisengebiete und -situationen auf dieser Welt, werde ich wieder demütig.“

„Mehr davon, das brauchen wir.“

„Es ist erstaunlich, wie schnell man so eine offene Haltung im geschützten Rahmen einnehmen kann. Das ins Leben mitnehmen, ja.“

Kerstin Klug
 
 

 

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